Gedrucktes hat mich schon immer fasziniert. Weswegen ich wurde, was ich bin. Journalistin. Der Geruch von Zeitschriften, das Geraschel einer Tageszeitung und die Lust und Vorfreude beim Umblättern von Buchseiten - all das sind Zutaten eines Mediums, das in bits und bytes nie adäquaten Ersatz finden kann. Trotzdem bin ich im Internet gelandet.
Frauen sind vielschichtiger und anspruchsvoller als das die üblichen Frauenmagazine glauben machen wollen. Deshalb betreibe ich (mit tatkräftiger Unterstützung durch Kolleginnen und Kollegen) im Web „MissTilly.de“ - ein unabhängiges Magazin für Frauen, deren Gedanken um mehr kreisen als nur Figurprobleme, die neue It-Bag und Beziehungsstress. Wir machen das nicht für Ruhm und Ehre, sondern vor allem aus Überzeugung und Begeisterung.
Und da die Themen Frauenpolitik, Gleichstellung, Emanzipation, Vereinbarkeit, Familie und weibliche Rollenbilder nicht nur auf "MissTilly.de" gefragt sind, schreibe ich Artikel hierzu auch für andere (Print-) Medien sowie Sachbücher.
Vielleicht kommt man auf diese Themen zwangsläufig, wenn man vier Kinder hat (und davon drei Töchter sind). Vielleicht ist es aber auch einfach nur Resultat eines hartnäckigen Idealismus' und Optimismus'.
Es gibt so viele gut gemachte Onlinemagazine im Netz - völlig umsonst für den Leser und die Leserin. Doch ob Onlinejournalismus (als Qualitätsjournalismus) eine echte Chance hat, ist offen. Und ob man damit jemals wirklich Geld verdienen kann, ebenso. Aber wir bleiben dran. Denn: „Ich glaube in der Tat, dass es der Job von Journalisten ist, die Wirklichkeit nicht als notwendig zu betrachten, sondern als veränderbar“, sagte Jakob Augstein im MediumMagazin Nr. 4/5 2010. Genau das finde ich auch.
Eigentlich hätte es eine Mehrheit gegeben. Bei derAbstimmung im Bundestag zur Frauenquote.
Knapp vier Jahre ist nichts passiert in der Frauenpolitik (außer dem Betreuungsgeld, das sowieso keine(r) will). Die Regierungskoalition hat die Bedeutung des Themas für moderne, berufstätige Frauen völlig falsch eingeschätzt – nämlich als Nichtigkeit eingestuft und droht “den Kontakt zu ihrem eigenen Klientel zu verlieren “. Es gab noch ein wenig Hoffnung, die auf den Schultern ein paar weniger “aufmüpfiger Frauen” in den Unionsreihen ruhte. Fast sah es so aus, als ob mit ihren Stimmen der Oppositionsantrag für eine gesetzliche Frauenquote durchkommen könne. Doch aus der Revolution wird jetzt wohl nichts. Spannend bleibt es dennoch, was am 17.04. passieren wird.
Während in der CDU “die Quotenfrauen den Aufstand abblasen”, geben sich wenigstens ein paar der FDP-Frauen noch kämpferisch: “Ich finde es falsch, das Thema Frauenquote so zu emotionalisieren. Bei der Debatte hat man ja den Eindruck, die Männer bekämen Berufsverbot. Die Relationen gehen verloren. Die Frauenquote in Aufsichtsräten gilt für eine überschaubare Anzahl von Personen – 750 bis 800 Unternehmen in ganz Deutschland. Daran macht sich doch nicht der Fortbestand der Koalition fest,” so Koch-Mehrin, die sich wünscht, “dass es liberale Frauen gibt, die für den Antrag stimmen”.
Und wegen eines solch kleinen Schrittchens gibt es nun ernsthaft “Empörung”?
Der stellvertretende Zeit-Online-Chefredaktuer erzählt sehr aufschlußreich davon, warum gerade er als Mann die Frauenquote für richtig und wichtig hält: “Wo Frauen in wirksamer Anzahl aufrücken, dort lassen sich neue Rollenbilder etablieren. Und darauf warten vor allem viele junge Männer schon lange, die nicht mehr das überkommene Rollenbild ihrer Väter leben wollen.”
Wir schreiben das Jahr 2013. Eine junge Britin betreibt die sehr beliebte Facebookseite “I fucking love sciene”, auf der sie Außergewöhnliches, Unterhaltsames und Skurriles aus den Naturwissenschaften postet. Obwohl sie nie ein Geheimnis aus ihrem Geschlecht gemacht hatte, dachten viele offensichtlich, ein Mann stecke dahinter. Als sie mehr zufällig ihren Klarnamen im Zusammenhang mit ihrem Twitteraccount preisgab, erzeugt das ein Erdbeben. Viele ihrer 4.000.000 Followers überschlugen sich angesichts der Tatsache, dass sie eine Frau ist. Es regnete sexistische Bemerkungen, Frauenklischees und eine Menge Erstaunen. Viele Medien berichteten darüber. Und nicht nur Elise fragt sich nun: “Warum ist es auch heute noch bemerkenswert und überraschend, dass eine Frau humorvoll und kompetent über Wissenschaft schreibt?”
Das geht gar nicht. Das sah – nach massivem Shitstorm entrüsteter Frauen – dann am Ende doch auch der Otto-Versand ein und nahm das Mädchen-T-Shirt aus dem Programm.
Beinahe wäre es durch den Rummel um seinen Sparkassengehaltsvergleich untergegangen. Peer Steinbrück entlarvte sich selbst und zeigte, wie er über weiblichen Erfolg denkt. “Angela Merkel ist beliebt, weil sie einen Frauenbonus hat”, bemerkte er so nebenbei in einem Interview. Die Kommentare darauf ließen nicht auf sich warten.”Dieses Gerede hat zum Ziel, weiblichen Erfolg zu relativieren”, lauteten noch die harmloseren Reaktionen.
Deutlich schärfer formulierte es der Journalist und Herausgeber der linken Wochenzeitung “Freitag”, Jakob Augstein, in seiner Analyse: “Warum wirkt Angela Merkel so vielen ihrer männlichen Polit-Kollegen derart überlegen? Weil sie es ist.”…und legt gleich nochmal eine Spitze in Richtung Steinbrück nach: “Nur in der Politik hat eine Frau vergleichsweise faire Chancen, eine Karriere zu machen, die ihren Fähigkeiten entspricht. Man muss befürchten, dass für manche Männer, die sich in der Politik tummeln, das Umgekehrte gilt.”
Wen wundert es da, dass die Umfragewerte der SPD drastisch sinken. Steinbrück redet sich um Kopf und Kanzleramt.
Das Wiener “Leopold Museum” widmet sich mit 300 Exponaten dem männlichen Akt der letzten 200 Jahre und ist damit in aller Munde. Insbesondere das überall aushängende Ausstellungsplakat, das drei nackte Fussballer nebeneinander zeigt (und von den Künstlern “Pierre et Gilles” die multikulturelle Gesellschaft Frankreichs thematisiert, indem es die drei wichtigsten Bevölkerungsgruppen “Blacks, Blanc, Beurs” als nackte Helden darstellt), ist zum Aufreger geworden. Dem Druck der Öffentlichkeit hat man inzwischen nachgegeben und die “sensiblen” Stellen mit einem roten Balken überklebt. Tja, Nacktheit in der Öffentlichkeit ist auch heute noch ein Tabu – zumindest wenn es um Männer geht, die unbekleidet sind.
Auf der Facebook-Seite des Leopold-Museums fragt sich die Museumsleitung “Ist unserer Gesellschaft die Abbildung eines Penis’ nicht zumutbar?” Und die prompte Antwort einer Kommentatorin lautet “endlich Gleichberechtigung”! Genau darum ging es, so der Direktor des Leopold-Museums, Tobias Natter: Mit der Ausstellung “ist aber unsere Hauptbotschaft auch deutlich geworden. Wir wollen aufmerksam machen: Bei nackten Frauen regt sich niemand auf, bei den nackten Männern ja. Das stellen wir zur Diskussion.”
Und so reden wir auch mal wieder über die Doppelmoral, die wir gegenüber weiblichen und männlichen entblößten Körpern an den Tag legen. Die Österreicher machen vor, wie man den Stein ins Rollen bringt. Denn nicht nur in Wien, nein auch in Linz gibt es zeitgleich eine Ausstellung über den “nackten Mann”. Noch bis Januar 2012 in Wien und bis Februar 2013 in Linz.
“Das Betreuungsgeld soll eine Geste der Wertschätzung familialer Erziehungsleistung sein, doch diese Geste erscheint uns äußerst problematisch. Sie ist strukturell unwirksam, beschämend und diskriminierend für die Frauen, denn das Betreuungsgeld ist nicht mehr als ein monatliches Taschengeld. ”
…
“Das alte und neue trügerische Zauberwort heißt Wahlfreiheit. Angeblich entsteht sie durch das Betreuungsgeld. Wir wollen niemandem ein bestimmtes Modell vorschreiben, aber festhalten, dass Wahlfreiheit nicht durch das Betreuungsgeld erreicht wird, sondern durch ausreichend viele und qualitativ gute Möglichkeiten der Kinderbetreuung und, damit verbunden, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf”,
so das vernichtende Urteil von Christine Bergmann, Ursula Lehr, Renate Schmidt und Rita Süssmuth.
“Das Betreuungsgeld würde die bisherige, an internationalen Erfahrungen orientierte Strategie der Bundesregierung konterkarieren und Deutschland wieder auf den familienpolitischen Sonderweg zurückführen,”
lautet der Tenor führender Ökonomen, Erziehungswissenschaftler, Psychologen, Soziologen, Rechtswissenschaftler und Mediziner. Klare, wahre Worte.
Diese Werbeanzeige war heute in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” zu sehen”. Schau an, die “Sportschau” macht Werbung mit einem tiefen Griff in die Klischeekiste. Einmal von dem beschränkten Frauenbild abgesehen, das hier mal wieder überstrapaziert wird: Wie denken eigentlich Männer darüber, wenn sie derart eindimensional dargestellt werden? Nachlesen kann man das in den Kommentaren zum zugehörigen Videoclip auf der Sportschau-Facebookseite.
Viele sind “not amused”. Das hat wenig mit Humorlosigkeit zu tun, sondern mit den gewachsenen Ansprüchen an unsere Umwelt und den Umgang miteinander. Wir Konsumenten und Bürger sind heute eben reifer als noch vor 10, 20 Jahren. Und wir wünschen uns, dass uns auf Augenhöhe begegnet wird.
Also, liebe Werbetreibende und Werbeagenturen, ein bisschen mehr Weitblick, Zeitgeist und Einfallsreichtum “off the beaten track” können wir 2012 von Euch erwarten. Anschauungsunterricht, wie ein intelligenter und zugleich lustiger Werbespot aussieht, gibt es gleich hier: (Der Spot wirbt übrigens ebenso für die Sportschau.):
“Revolutionen sind sexy, Protest ist sexy”, konstatiert Georg Diez in Spiegel Online und impliziert, dass das “Frausein” von Nadeschda Tolokonnikowa, Marija Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch die Massen mehr bewegt als ihre politische feministische Arbeit als Punkband Pussy Riot. Nun, die “Sexyness” liegt im Auge des Betrachters. Wem der Blick vornehmlich auf den sich unterm T-Shirt abzeichnenden Busen fällt, dem ist mit Hinweisen auf ihre inhaltliche Botschaft vermutlich nicht beizukommen.
Es ermüdet, wenn die erste Reaktion auf junge, politisch aktive Frauen in dem alten Reflex besteht, wonach primär ihre äußere Erscheinung Beachtung findet. Mag sein, dass die Punkband Agieren und Auftritte wohl kalkuliert plant, nach dem Motto: “Wenn ihr – die Medien, die (Welt-)Öffentlichkeit – nur dann hinschaut, sobald man besonders auffällig ist und provoziert, dann nützen wir das für uns.” Doch rühren die Sympathien für die Aktivistinnen tatsächlich maßgeblich von ihrem Geschlecht, sprich: dem “Faktor Frau”? Fakt ist, wer sich damit zu lange beschäftigt, lenkt von dem ab, wofür Pussy Riot eigentlich steht. Von der Ernsthaftigkeit ihrer politischen Botschaft zeugen ihre Schlussplädoyers. Bemerkenswert. Putin lights up the fires lautet bezeichnenderweise der Titel ihres aktuellsten Songs.